Ratgeber: Darauf müsst Ihr bei Akku-Cams achten

Akku- oder batteriebetriebene Sicherheitskameras gibt es noch gar nicht so lange. Noch vor knapp drei Jahren, als ich mich zum ersten Mal mit dem Thema beschäftigt hatte, war die Auswahl (hierzulande) eher mau. Inzwischen haben im Zuge des Smarthome-Trends viele Hersteller diesen Markt für sich entdeckt. Wer sich jetzt nach einer von Kabeln unabhängigen Cam umsieht, hat die Qual der Wahl. Die Hersteller versprechen mehr Sicherheit, lange Akkulaufzeiten und einfache Bedienung. Welche Funktionalitäten wirklich wichtig sind und wie Ihr die für Euch geeignete Kamera findet, erläutere ich in diesem Beitrag.

Vor jeder Kaufentscheidung sollte die Frage stehen, für welches Einsatzszenario das jeweilige Produkt vorgesehen ist. Ich gebe zu, bei einem Großteil meiner Kaufentscheidungen übersehe ich diesen Schritt, bei einer Sicherheitskamera ist dies allerdings durchaus sinnvoll. Hilfreich ist es da, sich vorab einige Fragen zu stellen. Für akkubetriebene Überwachungskameras kann man sich auf wenige Fragen konzentrieren. Als da wären:

1. Frage: Wie viel Voyeur steckt in mir?

Der eine oder andere würde diese Frage vermutlich umformulieren. Es geht im Endeffekt darum, sich darüber klarzuwerden, wie häufig die Kameras bzw. deren Bilder betrachtet werden. Wer beispielsweise einen Monitor im Dauerbetrieb mit den Bildern aller vorhandenen Cams, im Rasterformat angeordnet, erwartet, sollte an dieser Stelle aufhören zu lesen – dafür sind akkubetriebene Kameras nicht geeignet. Aber auch andere Fragen spielen hier eine Rolle. Reicht es, die Kamerabilder ausschließlich über das Smartphone oder Tablet zu betrachten? Oder sollte ein Webzugriff vorhanden sein, um den heimischen Garten vom PC aus betrachten zu können? Wem ein Smartphone oder Tablet ausreicht, der hat die volle Auswahl – eine entsprechende App bieten alle Hersteller inzwischen an. Soll ein Zugriff aus dem Browser erfolgen, wird die Auswahl schon spärlicher. Von den von uns getesteten Kameras bietet lediglich die Logitech Circle diese Möglichkeit.

2. Frage: Wohin mit den Bildern?

Eine kontroverse Frage, geht es doch darum, wo die Bilder primär gespeichert werden sollen. Leider beantworten die meisten Hersteller die Frage recht einfach: bei uns in der Cloud, Betonung auf „uns“. Prinzipiell bietet die Cloud natürlich einige Vorteile. So bleiben die Fotos und Videos verfügbar, wenn die Kamera selbst sabotiert wird. Und: man hat von überall darauf Zugriff, muss also nicht im gleichen Netzwerk wie die Kamera sein. Allerdings gibt es ähnlich viele Nachteile, die – je nach Perspektive – sogar noch schwerer wiegen. Die prinzipielle Diskussion zur Sicherheit in der Cloud möchte ich dabei gar nicht groß aufgreifen. Gerade Hersteller, die nicht ausschließlich auf Kameras spezialisiert sind, sollten mit einer gesunden Portion Skepsis betrachtet werden. Die Gefahr, dass eine Cloudlösung, die im Portfolio des Herstellers nur eine untergeordnete Rolle spielt, zu wenig Aufmerksamkeit bekommt, um in der extrem dynamischen Welt der Cybersecurity zu bestehen, ist groß. Und Konsum-Produkte sind immer ein beliebtes Ziel für Hacker.

Schwerer wiegt in meinen Augen allerdings das Cloud-Wirrwarr, das sich gerade im Smarthome ergibt, wenn jeder Hersteller auf eine eigene Cloud setzt. Aus Sicht der Hersteller ist das natürlich gewollt. So bindet man die Kunden an sich und sorgt dafür, dass für eine zweite und dritte Kamera im Zweifel das eigene Produkt gewählt wird, statt sich eine weitere Cloud an die Beine zu binden. Aus Konsumentensicht ist das Ganze eher suboptimal. Wer beispielsweise andere Anforderungen an eine Kamera für die Einfahrt hat als für eine Überwachungslösung im Garten, muss damit leben können, zwei (oder mehr) Wolken zu beackern. Mit allen verbundenen Nachteilen: zwei Apps, zwei monatliche Zahlungen, zwei Schnittstellen „nach draußen“, die im Zweifel angegriffen werden können. Wer das nicht möchte, hat nur wenig Möglichkeiten. Eine davon bietet beispielsweise Reolink an – deren (Bewegt-)Bilder werden auf einer SD-Karte gespeichert. Was wiederum bedeutet, dass die Bilder futsch sind, wenn die Kamera sabotiert wird. Neben der Bindung an einen einzigen Hersteller gibt es nur eine weitere Möglichkeit, die gleichzeitig in die nächste Frage mündet:

3. Frage: Wer will mitspielen?

Natürlich, es geht um Integration ins Smarthome. Technisch gesehen gar nicht so einfach. Eine Programmierschnittstelle für andere Systeme (API, Application Programming Interface) könnte bedeuten, dass das eingebundene Drittsystem die Kamera immer wieder aus dem Standby aufwecken muss – mit entsprechenden Nachteilen für die Batterielaufzeit. Ein Großteil der Hersteller bietet eine API daher gar nicht erst an. Rühmliche Ausnahmen sind oft zwei Integrationen: der Internetdienst IFTT und die nette Dame Alexa aus dem Hause Amazon.

IFTT ist ein Dienst, der inzwischen unzählige Möglichkeiten bietet, verschiedene Services und Produkte miteinander zu verbinden. Hier kann man sich verschiedene, sogenannte „Applets“ erstellen. Durch die hohe Anzahl der Services, die inzwischen mit IFTTT funktionieren, ist die eigene Phantasie die Grenze dessen, was verknüpft werden kann. Beispielsweise nutze ich einen HTTP-Aufruf meiner Doorbird-Klingel,  um Daten in ein Google-Spreadsheet einzutragen. Allerdings hat IFTTT einen großen Nachteil: der Zeitversatz. Es kann durchaus einige Sekunden (selten sogar Minuten) dauern, bis Auslöser und Aktion aufeinander folgen. Um Daten in eine Tabelle zu schreiben – kein Problem. Aber wenn Ihr z.B. das Licht über IFTTT ein- oder ausschalten wollte – vergesst es. Und ebenso gilt das für irgendeine Aktion, die z.B. einer wahrgenommenen Bewegung folgt. Eine Aufnahme erst 20 Sekunden nach der Bewegung zu starten ist recht sinnfrei.

Alexa dagegen reagiert relativ fix auf Integrationen. Ich gebe zu, das Licht immer öfter mit Hilfe der halb-schlauen Dame aus Seattle anzuschalten. Und auch bei Sicherheitskameras gibt es einen sehr großen Vorteil: Weil inzwischen sehr viele Kamerahersteller einen Alexa-Skill anbieten, ist die Amazon Echo (und Fire) Familie ein sehr einfaches Mittel, Kameras in ein Smarthome einzubinden. Allerdings setzt die Nutzung von Kameras über Alexa entweder einen Amazon Echo mit Display voraus (also ein Show oder ein Spot), einen FireTV (mind. 2. Generation) oder ein Fire-Tablet voraus. Da gerade die beiden letzteren – wenn im Angebot – für relativ kleines Geld zu bekommen sind, sollte das aber kein großes Thema sein.

4. Frage: Kannst Du noch?

Die Letzte – allerdings wohl wichtigste Frage. Wie wird eine völlig kabellose Kamera mit Strom versorgt? Prinzipiell gibt es – logisch – zwei Möglichkeiten: die Versorgung über „normale“ Batterien oder der Einbau eines Akkus. Letzteres hat vermutlich für den Hersteller den Vorteil, dass die Wetterfestigkeit etwas vereinfacht wird. Der Nutzer dagegen muss nichts nachkaufen, sondern klemmt die Kamera im Zweifel für einige Stunden an die Steckdose. Einige Kameras – wie die Blink – lassen sich theoretisch sogar komplett über ein Stromkabel betreiben, wenn ihr doch nichts gegen Kabel hättet.

Die Vor- und Nachteile der batteriebetriebenen Kameras sind natürlich eine genaue Spiegelung, mit einem zusätzlichen Problem. So werden einige Kameras – Reolink und Netgear Arlo sind zwei Beispiele – von wenig gebräuchlichen CR123 Batterien betrieben. Andere – Blink – greifen dagegen auf AA-Batterien zurück, von älteren Semestern gerne auch „Walkman-Batterien“ genannt. Falls Ihr eine Kamera mit den CR123-Varianten bevorzugt, solltet Ihr wiederaufladbare Varianten kaufen, wenn ihr nicht einige Tage ohne Kameras auskommen könnt.

Wichtiger als die Frage welche Technologie für die Stromversorgung verwendet wird, ist die Lebensdauer einer Ladung. Die meisten Hersteller werben mit gut 6 Monaten für eine Ladung, das setzt aber eine bestimmte maximale Anzahl von Aufnahmen voraus. Wenn Ihr Katzen oder Hunde habt, die immer wieder durchs Bild laufen, rechnet mit einer wesentlich geringeren Ausdauer. Gerade deswegen hat uns der Ansatz der Blink so gut gefallen, die konsequent aufs Stromsparen achtet – vielleicht kommen die Blink-Cams tatsächlich an die versprochenen 2 Jahre Lebensdauer für 2 AA-Batterien heran. Wobei, und das als Abschlusssatz: Alle paar Monate die Batterien auszutauschen oder ein Akku aufzuladen ist zumindest für mich nicht das entscheidende Kaufkriterium.

 

Patrick Boch

Patrick beschäftigt sich beruflich schon länger mit Sicherheit - allerdings für eine andere Zielgruppe. Privat sorgt er lieber für ein smartes - und sicheres - Zuhause.

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