Kommentar: Über die Plattform-Unsitte im Smarthome

Das Smarthome und vor allem die Vielfalt an Möglichkeiten, die sich damit bieten, ist ein noch junges Geschäftsfeld. Dementsprechend ist es von der für die „Digitalisierung“ wohl wichtigsten Theorie durchdrungen: der sogenannten Plattform-Ökonomie. Wer über die Theorie mehr wissen will: hier gibt es einen interessanten Artikel. In der Praxis, vor allem beim Thema Smarthome, sollte den Firmen aber bewusst sein, dass Wettbewerb behindert wird und Marktanteile klein bleiben, wenn versucht wird, EINE Smarthome-Plattform zu schaffen. Hier sind die Gründe dafür. 

Für manche Bereiche ist eine Plattform der logische Ansatz, keine Frage. Die Android- und Apple-Appstores. Facebook. Google. Amazon. Hier profitieren die großen Anbieter natürlich davon, dass es nur eine große Plattform gibt und auch die kleinen Anbieter (Entwickler, Verkäufer) haben es einfacher, über die Plattformen anzubieten. Beim Smarthome ist der Versuch, durch Cloud-Zwang und Inkompatibilität eine Plattform geschaffen dagegen zum Scheitern verurteilt. Um das zu verdeutlichen, unternehmen wir eine kurze Reise in ein alternatives Universum.

In diesem Universum gab es den Bluetooth-Standard nie. Stattdessen nutzt Apple Blacktooth (der natürlich nur mit Apple-Geräten oder von Apple zertifizierten Geräten funktioniert), Huawei wiederum verwendet Greentooth, Sony Redtooth, und so weiter. Die Folgen sind weitreichend. Für einige erfreulich dürfte sein, dass der Klinkenstecker weiter in allen Geräten vorhanden wäre – es ist schließlich der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich sowohl Handy- als auch Kopfhörerhersteller einigen können. Der Nachteil allerdings: es gäbe kaum (günstige) drahtloses Zubehör auf dem Markt. Erstens wäre es für die Zubehörhersteller zu teuer, für jede „Tooth-Technologie“ eine Variante ihrer jeweiligen Modelle zu bauen. Zweitens wäre der Lock-In Effekt für die Konsumenten ein echtes Hindernis: wer ein Blacktooth-Handy hat, aber gerne die schicke Redtooth-Smartwatch hätte, wird sich wohl eher gar keine Smartwatch kaufen.

Zurück in unserem Universum ist die Problematik beim Smarthome ein Ähnliches. So löblich es von Firmen wie ring.com ist, ein umfassendes Ökosystem für die Sicherheit des eigenen Zuhauses zu schaffen, sie schneiden sich im Endeffekt ins eigene Fleisch: Wer schon eine IP-Kamera hat, diese aber nicht in ring.com einbinden kann, wird sich keine Türklingel von Ring kaufen – sonst müsste er zwei Apps im Blick haben, was die Bedienung eines Smarthome extrem umständlich macht. Umgekehrt hätte ein Käufer der Ring-Türklingel vielleicht gerne eine zusätzliche Sicherheitskamera, schreckt aber vom hohen Preis der Ring-eigenen Cams zurück. In beiden Fällen passiert Folgendes: Ring macht weniger Umsatz und das Smarthome findet wenig Verbreitung. Eine Lose-Lose-Situation, sozusagen.

Zum Glück scheint sich im Markt zumindest ansatzweise etwas zu tun: es etablieren sich einige Standards, wenn die Verbreitung auch eher zäh verläuft (Zigbee, Z-Wave, etc.) Und interessanterweise ist es die Firma, die normalerweise für ihr geschlossenes System kritisiert wird, die etwas „Leben in die Bude“ bringt: Apple hat Homekit inzwischen so weit aufgebohrt, dass es relativ einfach für Gerätehersteller ist, sich in dieses System zu integrieren. Das ist zwar immer noch kein Standard, aber zumindest wird deutlich, dass der Weg dorthin beschritten wird.

Standards helfen in vielen Märkten allen Marktteilnehmern. Das scheint sich beim Smarthome noch nicht herumgesprochen zu haben, aber vielleicht ändert sich dies in naher Zukunft ändern. Dann wird sich das Smarthome bei einem Großteil der Verbraucher durchsetzen, vorher nicht. Die hier zitierte Bitkom-Studie schreibt nicht umsonst davon, dass 37 Prozent der Verbraucher die Installation der Technik als zu aufwendig empfinden. Würde man dies hinterfragen, wäre die Inkompatibilität der verschiedenen Geräte mit Sicherheit ein Hauptgrund. Die Hoffnung bleibt, dass auch die Gerätehersteller hier ein Einsehen haben und ihr kurzfristiges Denken zugunsten langfristiger, stabiler Gewinnaussichten aufgeben. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. 

Patrick Boch

Patrick beschäftigt sich beruflich schon länger mit Sicherheit - allerdings für eine andere Zielgruppe. Privat sorgt er lieber für ein smartes - und sicheres - Zuhause.

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