Kampf der Kameras: Pearl gegen Reolink

Die Reolink Argus wurde über Indiegogo finanziert und war auf der Crowdfunding-Plattform ein echter Hit.  Wir hatten die Kamera, die komplett ohne Kabel auskommt,  ausgiebig getestet. Jetzt bringt der deutsche Versandhändler Pearl einen Konkurrenten auf den Markt. Pearl ist bekannt dafür, viele neue Trends zu einem günstigen Preis in den Massenmarkt zu bringen. Ob das mit der Kamera mit dem etwas sperrigen Namen „VisorTech Akku-WLAN-HD-IP-Kamera“ ebenfalls gelingt, zeigt unser Test.

Gute Technik definiert sich für mich über zwei Eigenschaften. Erstens: man merkt sie nach einer Zeit nicht mehr. Und zweitens brauche ich kein Handbuch, um die grundlegenden Funktionen zu verstehen. Die Pearl-Kamera ist seit Langem mal wieder ein Produkt, das den zweiten Punkt zwar erfüllt – bis dahin war es aber ein weiter Weg. Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass ein Handbuch nicht einmal existiert. Stattdessen gibt es zwar eine Schnellstart-Anleitung. Die begleitet den Nutzer aber nur bis zum ersten Einrichten der App. Wie die App (oder die Kamera) bedient wird, bleibt offen.
Aber eines nach dem Anderen.

Der erste Eindruck der Kamera war eigentlich nicht schlecht. Optisch unterscheidet sich die Pearl deutlich von der Reolink Argus, im Endeffekt sind aber beide Kameras klein und handlich. Bei den Anbringungsmöglichkeiten ist die Pearl-Cam nicht ganz so variabel wie die Argus. Das ist aber auch nicht unbedingt notwendig, immerhin wird eine einigermaßen solide Basis mitgeliefert, die wiederum überall angeschraubt werden kann. Die Außentauglichkeit wird bei Pearl durch eine Silikon-Hülle hergestellt, die vor allem beim Micro-USB Anschluss schwer anzubringen ist. Ob dies langfristig Probleme mit sich bringt, wird sich zeigen.

Akku: Punkt für Pearl

Großer Vorteil von Pearl ist natürlich der Akku. Bei Reolink bin ich zwar noch nicht in die Verlegenheit gekommen, die Batterie tauschen zu müssen. Dennoch punktet an dieser Stelle die Pearl-Cam eindeutig. Zwar ist das Einlegen des Akkus – und besonders das ordnungsgemäße Verstauen der Kabel – reinste Fummelarbeit. Im Idealfall erledigt man das aber auch nur ein einziges Mal.

Großer Schwachpunkt hingegen ist die Bedienung. Es hat mich unzählige Versuche gekostet, die Bedienung zu verstehen. Die Übersetzungsschwäche der App teilt Reolink sich mit Pearl. Allerdings versteht man bei der Argus das Bedienkonzept der Kamera trotz der Übersetzungsfehler. Bei Pearl hätte selbst eine korrekte Übersetzung nicht geholfen, hier fehlt einfach eine gute Dokumentation. Um ein Beispiel zu nennen: Ruft man die App auf und die Pearl befindet sich im Ruhezustand, lässt sich partout kein Bild auf dem Smartphone anzeigen. Das ist bei Reolink anders: ein Start der App weckt gleichzeitig die Kamera aus Ihrem Schlaf auf.

Liveschaltung nicht möglich

Die große Frage ist dann natürlich: wie komme ich bei Pearl an ein Live-Bild. Nun, die Kamera hat – sinnigerweise – einen Energiesparmodus, der sogar einstellbar ist. Die Cam geht nach einem Zeitraum zwischen wenigen Sekunden und 2 Minuten in den Ruhezustand. „Nach“ bezieht sich dabei auf den Zeitraum nach einer Bewegung oder nach Druck des einzigen Knopfes auf der Kamera, der das international anerkannte Symbol für an/aus sowie einen Wecker zeigt. Mit anderen Worten: wer vorhat, seine Kamera an die Decke zu hängen, vielleicht noch in einer Höhe, die ohne Leiter nicht zu erreichen ist, kann nur dann ein Livebild sehen, wenn eine Bewegung stattgefunden hat. Und das natürlich nur, wenn der Bewegungssensor eingeschaltet ist.

Letzterer Punkt bedeutet wiederum, dass sich die Pearl-Cam für eine Überwachung nicht unbedingt eignet. Zumal ein weiterer Nachteil hinzukommt: der Bewegungssensor reagiert leicht überempfindlich. Wir hatten in unserem Test beide Kameras – Reolink und Pearl – den gleichen Bereich überwachen lassen. Die Reolink war recht zuverlässig, was das Erkennen von Bewegung angeht. Die Pearl hingegen kann entweder Geister sehen oder reagiert schon auf Kleinstinsekten, die sich im Blickfeld zeigen.

Die Bildqualität der Pearl-Cam wiederum ist in Ordnung, auch im Vergleich zur Reolink Argus. Das Problem: an die Aufnahmen kommt man nur schwierig heran. Die App bietet zwar an, Ereignisse zu filtern allerdings erstens nur – wer errät es – wenn die Kamera an ist. Was heißt, dass man vor der Kamera herumhampeln muss, um überhaupt erst einmal ein Ereignis herausfiltern zu können. Zweitens hat es in unserem Test einige Ereignisse nicht gefunden bzw. über einen bestimmten Zeitraum überhaupt keine Ereignisse gefunden – obwohl diese definitiv vorhanden waren.

Fazit

Das Duell Crowdfunding gegen Online-Versand gewinnt ganz klar die über Indiegogo finanzierte Reolink Argus. Beide Kameras kosten ca. 100 Euro, die Argus kann aber vor allem im Bedienkonzept überzeugen. Zudem ist sie von Haus aus mit einer IP-Schutzklasse von 65 ausgerüstet, sollte also in unseren Breiten auch unbeschadet den Winter überstehen können. Die Pearl hingegen muss durch die Silicon-Hülle erst IP44-tauglich gemacht werden. Wer eine komplett kabellose Sicherheitskamera sucht ist bei Reolink definitv besser aufgehoben (das Thema WLAN habe ich im vorliegenden Artikel nicht einmal berücksichtigt – nur soviel: das Ergebnis hätte sich nicht geändert). Allerdings kommt der große Haken zum Schluss: Aktuell ist die Reolink Argus nur in den USA zu kaufen – das sollte sich aber bald ändern, zumindest wer an der Kampagne teilgenommen hat, konnte sich die Kamera auch in Deutschland sichern.

Patrick Boch

Patrick beschäftigt sich beruflich schon länger mit Sicherheit - allerdings für eine andere Zielgruppe. Privat sorgt er lieber für ein smartes - und sicheres - Zuhause.

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